1. Tag: Treffen um 15:00, Dresden, Hauptbahnhof, Gleis 1.
Funktionierte problemlos! Nach einem kleinen Imbi� und einer kurzen Besprechung
setzten wir uns voller Tatendrang auf die R�der, und schon begann unsere Tour.
Wir waren uns �ber die Route zwar nicht so recht im Klaren, doch es war ein
gutes Gef�hle, erstmal im Sattel zu sitzen.
Da wir zu geizig gewesen waren, uns f�r den kleinen Teil, den uns unsere Tour
durch Deutschland f�hren sollte, eine genaue Karte zu kaufen, konnten wir nur
auf meinen kleinen Europa-Taschenatlas zur�ckgreifen, und der ist leider
verdammt ungenau. Wir beschlossen deshalb, mit Hilfe des Kompa� aus Dresden
‘rauszunavigieren’. Das klappte sogar ziemlich gut. Wir hielten einen Kurs
S�d/S�d-Ost und gelangten so auf die Bundesstra�e 172, der wir bis Pirna
folgten. Dort trafen wir einen betrunkenen Rennradfahrer, der ein inneres
Bed�rfnis versp�rte, uns weiter zu helfen. Aus einem B�ndel ungenauer Angaben
konnten wir heraush�ren, da� es einen Elberadwanderweg bis Bad Schandau gibt,
der zum Fahren ganz angenehm sein sollte. Dieser Ratschlag erwies sich als gut.
Auf dem asphaltierten Radweg folgten wir der Elbe durch das wundersch�ne
Sandsteingebirge und den Nationalpark S�chsische Schweiz.
Gegen 19:00 erreichten wir Bad Schandau. Da am Wetter nicht das Geringste
auszusetzen war, beschlossen wir, noch etwas weiterzufahren. Kurz vor der Grenze
kamen wir dann an einem direkt an der Elbe gelegenen Campingplatz vorbei, der
preislich und ‘komform��ig’ ganz in Ordnung zu sein schien. Irgendwie waren wir
uns relativ schnell einig, da� wir uns am ersten Tag nicht zuviel zumuten
wollten. Deshalb wurde beschlossen, da� wir hier f�r die n�chsten 12 Stunden
se�haft werden wollten.
Beim Aufbau unseres Zeltes, stellte sich dann das erste Mal�r unserer Tour
heraus. Ich hatte das falsche Zelt mitgenommen! Statt unseres guten 2 Mann
Iglu-Zeltes, hatte ich ausversehen ein minikleines Einmannzelt eingesteckt, da�
so winzig war, da� nichtmal eine Person dort richtig Platz gefunden h�tte. Mann,
war mir das peinlich! Emmi guckte mich vorwurfsvoll an. Was der jetzt wohl von
mir dachte? Wahrscheinlich w�nschte er mich gerade Millionen Lichtjahre weit ans
andere Ende unserer Galaxie. Schon auf unserer letzten Tour hatte ich die Sache
mit dem Zelt verbockt, indem ich die Heringe vergessen hatte. Wir mu�ten damals
�ber die ganzen Alpen und den Apennin ein nutzloses schweres Zelt mitschleppen,
da� wir nicht aufbauen konnten. Und jetzt hatte ich es schon wieder geschaffte,
ein Zelt mitzunehmen, in dem man nicht schlafen konnte. Irgendwie f�hlte ich
mich in diesem Moment echt ein bi�chen mies. Emmi hatte sich
ausr�stungstechnisch ziemlich gut auf diese Tour vorbereitet und einiges an Geld
investiert, damit alles professionell wird. Das wir jetzt ohne Zelt touren
mu�ten, gefiel ihm bestimmt nicht. Etwas ratlos versuchte ich, mit ein paar
hilflosen Witzen, die Situation zu retten. Emmi lie� sich netterweise davon
�berzeugen, da� Schlafen unter freiem Himmel durchaus auch seine Vorz�ge hat.
Wir falteten also unsere Plane auf der Wiese aus, legten unsere
selbstaufblasbaren Isomatten darauf und packten unsere Schlafs�cke aus. Dann
gingen wir Duschen und tranken in der ziemlich einfach gehaltenen Kneipe des
Campingplatztes noch ein Bier. Wenig sp�ter lagen wir in unseren Schlafs�cken
und es begann die erste Nacht dieser Tour. �ber uns �ffnete sich ein
wundervollen Sternhimmel an dessen R�nder die bizarren Felsen des
Sandsteingebirges grenzten. Nachdem wir mehrere Sternschnuppen ersp�ht hatten
�berkam uns der Schlaf.
2. Tag: Wir standen relativ fr�h auf, mu�ten aber noch etwas
warten, bis die Morgensonne unser taunasses Lager getrocknet hatte. Dann packten
wir schnell den ganzen Krempel zusammen und schwangen uns wieder in den Sattel.
Der Grenz�bertritt erfolgte ohne Probleme. Bei herrlichem Wetter folgten wir
weiter dem Verlauf der Elbe . Die felsige Landschaft des Elbsandsteingebirges
klang langsam aus und wechselte zu einer lieblichen H�gellandschaft �ber. Wir
durchquerten die Stadt D�cin und fuhren weiter Richtung �st�. Nachdem wir einige
Kilometer hinter uns gebracht hatten, machten wir in einem kleinen Dorf an einer
sch�nen mittelalterlichen Kirche Pause. Da wir beide von Hause aus neugierig
sind, schauten wir mal nach, ob die Kirche offen war. Als wir uns dem Eingang
n�herten kam uns eine alte Frau entgegen, die uns freundlich hereinwinkte. Wir
traten ein und staunten nicht schlecht �ber die schlichte Sch�nheit, die wir
hier mitten auf dem Land in Tschechien zu sehen bekamen. Die Frau fragte uns, ob
wir Tschechisch spr�chen, was wir leider verneinen mu�ten. Daraufhin verschwand
sie und kam nach kurzer Zeit mit einem noch �lteren Mann wieder, der ein
altmodisches aber gutes Deutsch sprach. Dieser Mann erwies sich als
erstklassiger F�hrer. Er erz�hlte uns die gesamte Geschichte dieser Kirche seit
ihrer Erbauung im 12 Jhd. und sagte, da� wir die ersten Ausl�nder sein, die sich
hier blicken lie�en. Wir mu�ten uns daraufhin in das goldene Buch der Kirche
eintragen.
Nachdem wir noch etwas geplaudert hatten, verabschiedeten wir uns freundlich und
machten uns wieder auf den Weg. In �st� n. Lab. haben wir uns dann das erste Mal
richtig verfahren. Wir mu�ten etwa vier Kilometer zur�ckstrampeln, um unsere
geplante Route wieder aufnehmen zu k�nnen. Um unseren kleinen �rger �ber diesen
Umweg wieder etwas zu bes�nftigen, genehmigten wir uns in einem kleinen
Gartenrestaurant etwas zu essen (wozu wir die komischsten Getr�nke erhielten,
weil der Kellner unsere Mischanleitung f�r Saftschorle nicht richtig kapiert
hatte). Etwas sp�ter befanden wir uns wieder auf der Stra�e und fuhren weiter
nach Litom�rice. Diese Stadt erwies sich als sehr sch�n. Unserem
Fahrradreisef�hrer entnahmen wir, da� der mittelalterliche Marktplatz von
Litom�rice einer der sch�nsten und sehenswertesten in ganz B�hmen sein soll.
Hier gefiel es uns auf Anhieb gut. �berall waren kleine Stra�encafes, in den
viele junge Leute sa�en. Aus manchen Bars drang gute Livejazzmusik. Die sch�ne
Atmosph�re senkte unsere Lust am weiterfahren. Es war mittlerweile sp�ter
nachmittag, und wir wu�ten nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Bis Prag
lagen noch etwa 80 km vor uns, die durch eine eher langweilige, stark
landwirtschaftlich genutzt, flache Gegend f�hren sollten, was uns nicht gerade
motivierte.
W�hrend wir etwas lustlos in der Stadt umherradelten, kamen wir zuf�llig am
Bahnhof vorbei, wo Emmi urpl�tzlich die Erkenntnis erlangte, da� wir ja auch mit
dem Zug nach Prag fahren k�nnten. Wir w�rden so etwas Zeit sparen, was uns
nachher sicherlich zu gute kommen w�rde, wenn wir es wirklich bis Venedig
schaffen wollten. Dieser gewagte Vorschlag verursachte eine kleine Diskussion,
weil ich eigentlich die gesamte Strecke aus sportlichem Ehrgeiz mit dem Fahrrad
fahren wollte. Doch schlie�lich stimmte ich zu, denn die Vorstellung, heute
abend noch in Prag sein zu k�nnen, war sehr verlockend. Wir kauften uns f�r sehr
wenig Geld Fahrkarten und bekamen von der Dame am Schalter gesagt, da� in f�nf
Minuten ein Zug von Litom�rice direkt bis nach Prag fahren w�rde. Auf dem
Bahnsteig erwartete uns dann ein superkleiner Schienenbus in den es
superkompliziert war unsere beiden schwerbeladenen Fahrr�der hineinzubekommen.
Zum Gl�ck war der Zug nicht so voll, sonst h�tte es ernstere Probleme gegeben.
Na gut, die Bikes waren schlie�lich drinnen, der Zug fuhr los, und der Schaffner
kam. Wir zeigten ihm unsere Tickets und fragten, ob da� auch wirklich der
richtige Zug nach Prag sei. Die Antwort: „Nix Prag, Zug nur Lib�chov.“
„Lib�chov? Das ist aber nicht so erfreulich! Wir wollen eigentlich nach Prag“,
antworteten wir etwas erstaunt. Der Schaffner zeigte uns daraufhin in seinem
gigantischen Fahrplanbuch, da� es keinen direkten Zug von Litom�rice nach Prag
g�be und wir deshalb in Lib�chov umsteigen m��ten. Von dort aus k�nnten wir dann
mit einem anderen Zug direkt nach Prag fahren.
Wir stiegen also in Lib�chov aus und lie�en uns vom Schaffner zeigen, wo wir
wieder einsteigen mu�ten. Wieder so ein kleiner mistiger Schienenbus. Wir
wuchteten mit viel M�he unsere Fahrr�der hinein und setzten uns hin, in der
Hoffnung, da� wir jetzt bis Prag fahren k�nnten. Nachdem sich der Zug in
Bewegung gesetzt hatte, schlossen wir wenig sp�ter Bekanntschaft mit dem
Schaffner. Wir fragen, nur um ganz sicher zu sein, noch mal nach, ob dieser Zug
auch wirklich nach Prag f�hre. Diesmal die Antwort: „Prag? Ne,ne,ne!“
Aha, w�re auch zu sch�n gewesen!
„Wohin f�hrt denn der Zug“, fragten wir vorsichtig. Der Schaffner erkl�rte uns,
da� dieser Zug nur nach M�ln�k f�hre, wo wir umsteigen m��ten.
Alter Schwede, dachte ich mir, die Bahn hier ist zwar unglaublich billig, hat
aber durchaus ihre T�cken. In M�ln�k ging dann der ganze Mist wieder los. Die
Bikes wurden aus dem Schienenbus gestemmt, und wir begannen uns durchzufragen,
wo denn nun der versprochene Zug nach Prag f�hre. Schlie�lich wurden wir auf
einen moderneren D-Zug verwiesen. Mi�trauisch luden wir dort unsere Fahrr�der
ein und warteten, da� der Schaffner mit schlechten Neuigkeiten vorbeikam. Aber
so schlimm war es dann doch nicht. Wir sa�en ausnahmsweise wirklich im richtigen
Zug. Gegen 21:00 rollten wir im Hauptbahnhof von Prag ein.
Prag! Tolles Gef�hl wieder in dieser Stadt zu sein. Wir fuhren als erstes zum
Wenzelsplatz hinunter und dann durch die Altstadt bis zur Karlsbr�cke. Dort
mu�ten wir aufgrund des �blichen Gedr�nges unsere R�der schieben. Auf der
Kleinseite gingen wir in mein Lieblingsrestaurant, da� unter einem Bogen der
Br�cke direkt am Wasser liegt. Leider hatte sich dieses Restaurant ver�ndert,
seit ich das letzte mal da war. Die Speisekarte war schlechter geworden, und die
Preise sind ganz sch�n in die H�he geschossen. Aber zum Biertrinken und etwas in
den Magen bekommen war es immer noch ganz ok. Nach dem Essen fuhren wir dann
weiter, um ein g�nstiges Nachtquartier zu finden. Emmi kannte ein billiges
Studentenhotel, da� wir aufsuchten. In einer gro�en Plattenbausiedlung, waren
g�nstige �bernachtungsm�glichkeiten f�r junge Leute und Rucksacktouristen
geschaffen worden. F�r ungef�hr 14 DM pro Person bekamen wir ein kleines
Doppelzimmer, da� ganz in Ordnung war. Einziger Nachteil, wir mu�ten die R�der
vor dem Haus anschlie�en, was uns nicht so sehr behagte. Aber wir waren froh,
ein Bett zu haben und lie�en uns m�de in die Federn fallen.
3. Tag: Wir checkten zeitig aus, kauften Fr�hst�ck und fuhren
auf einen kleinen Berg, von wo aus wir eine super Aussicht auf Prag hatten. Dort
setzten wir uns auf eine Bank und fr�hst�ckten. Danach schlug ich vor, zur
Sternwarte zu fahren, die auch auf diesem Berg lag. Dort konnten wir f�r etwa 5
Kronen eine F�hrung mitmachen und durch das gro�e Teleskop die Sonne und die
Venus anschauen.
Gegen 11:00 verlie�en wir Prag. Wir fuhren durch leicht h�geliges Gel�nde und
gelangten nach etwa 8 Stunden ohne gr��ere Zwischenf�lle bis kurz vor die Tore
der Stadt Benesov. Dort konnten wir von einem H�gel aus einen wundersch�nen
Sonnenuntergang beobachten. Wir beschlossen hier unser Camp aufzuschlagen. Vor
einem riesigen Heuhaufen breiteten wir unsere Planen aus und richteten alles f�r
die Nacht her. Mit unserem kleinen Campingkocher machten wir uns noch ein paar
Nudeln hei�. Nachdem wir dann gegessen hatten, ging es direkt in die
Schlafs�cke. Am wolkenlosen Himmel waren bereits die ersten Sterne
aufgeleuchtet. Es ist ein unbeschreibliches Gef�hl, wenn man mitten in der Natur
in einem warmen Schlafsack liegt und �ber einem sich der unendliche Weltraum mit
all seiner Pracht und Herrlichkeit auftut.
4. Tag: Um ein wenig abzuk�rzen, hatten wir f�r heute
beschlossen, von unserer urspr�nglichen Route etwas abzuweichen und auf einer
gr��eren Bundesstra�e von Benesov direkt nach Tabor zu fahren. Eigentlich war
das mit den gro�en Stra�en nicht so unser Ding, doch wir sparten dadurch enorm
Zeit. Die Stra�e erwies sich als nicht so schlimm befahren, wie wir bef�rchtet
hatten. Wir waren in bester Form und kamen gut voran. Kurz vor Tabor wurde die
Landschaft dann aber ziemlich bergig. Wir mu�ten in brennender Mittagshitze
einen Anstieg von etwa 5 Kilometer bew�ltigen, bis wir Tabor erreichten. Hier
verlie�en wir die staubige Bundesstra�e und begann, auf kleinen, landschaftlich
sehr sch�n gelegenen, Stra�en Richtung Zirovnice zu fahren. Wir kamen durch
dichte Tannenw�lder in denen es angenehm k�hl war und nach Harz roch,
durchquerten kleine vertr�umte D�rfer und radelten entlang frischer gr�ner
Wiesen und kleiner Seen. Etwa 8 Kilometer vor Zirovnice holte uns bei dem
kleinen Dorf Rodinov die D�mmerung ein. An einem kleinen Fischsee am Rande eines
gr��eren Waldes beschlossen wir zu n�chtigen. M�de krochen wir in unsere
Schlafs�cke und waren schnell eingeschlafen. Dies war unsere erste Etappe, bei
der wir �ber 100 km gefahren sind!
5. Tag:
An diesem Tag fuhren wir nach Telc. Diese Stadt ist wirklich einmalig sch�n. Die
Altstadt besteht aus zwei mittelalterlichen Festungstoren, einem weitl�ufigen
Marktplatz, einem Schlo� und mehreren gro�en alten Kirchen. Laut unserem
Reisef�hrer ist diese von der UNESCO gesch�tzte Stadt M�hrens sch�nstes
mittelalterliches St�dtchen. Das glaubten wir gerne.
Am Marktplatz setzten wir uns in eine Pizzaria und g�nnten uns etwas
italienische K�che (mit deutlich tschechischen Einfl�ssen). Au�er uns sa�en noch
ein Haufen Amis in dem Restaurant. Es war sehr lustig zuzusehen, wie die US-Boys
verzweifelt versuchten auf deutsch bei der tschechischen Kellnerin zu bestellen.
Weder die Kellnerin noch die Amis besa�en genauere Kenntnisse von dieser
Sprache.
Nach dem Essen besichtigten wir genauer den beeindruckenden Marktplatz. 1530
soll das ganze Gel�nde von einer Feuersbrunst zerst�rt worden sein. Der
kunstsinnige F�rst Zacharias hat danach daf�r gesorgt, da� die ‘Neubauten’ am
Marktplatz ein einheitliches Renaissance-Essembel bildeten. Das ist ihm meiner
Meinung nach ziemlich gut gelungen. Vom Marktplatz aus fuhren wir zu einer
Kirche, wo wir eine Kirchturmbesteigung wagten. Als wir nach ewig vielen Leiter
und Treppen schlie�lich oben angekommen waren, gab es ein wenig Stre�, denn Emmi
konnte sein Fahrrad nicht mehr sehen. Wir hatten die Bikes unangeschlossen mit
dem ganzen Gep�ck vor der Kirche stehen gelassen. Wie wir nun von oben
runterguckten, war nur noch mein Drahtesel zu sehen. Etwas nerv�s machten wir
uns wieder auf den Abstieg. Unten dann die Erleichterung! Emmi hatte sein
Fahrrad so an eine Mauer gestellt, da� wir es von oben gar nicht sehen konnten.
Von Telc aus fuhren wir weiter �ber die Stra�e Nr. 411 Richtung Vranov. Als es
Abend wurde schlugen wir unser Camp auf einer Wiese unter zwei gro�en
Apfelb�umen in der N�he der Stra�e auf. In dieser Nacht konnten wir besonders
viele Sternschnuppen sehen und dabei einen Haufen w�nsche loswerden. Ich bin
gespannt, ob an diesem Mythos wirklich etwas wahres dran ist.
6. Tag: Am Morgen wurden wir von herabfallenden �pfeln geweckt,
die uns nur haarscharf verfehlten. Durch ziemlich bergiges und staubiges Land
k�mpften wir uns bis Vranov vor. Der Tag wurde ein besonders hei�er. In Vranov
gingen wir in ein kleines Restaurant und bestellten uns Spaghetti (die
ultimative Radfahrernahrung). Hungrig machten wir uns �ber die gro�en Portionen
her, mu�ten aber ziemlich schnell feststellen, da� das Zeug, das wir da bestellt
hatten so heftig scharf war, da� wir in eine echte Konfliktsituation kamen. Was
war st�rker, der Hunger oder die Abneigung gegen dieses Essen? Der Hunger siegte
schlu�endlich. Wir zwangen uns mit extra viel Wasser alles aufzuessen und
merkten dann, da� wir so vollgefressen waren, da� wir uns jetzt unm�glich wieder
in die S�ttel schwingen konnten. Emmi versuchte mich zu �berreden, einen Wodka
zu bestellen. Er meinte, da� sei gut f�r die Verdauung. Ich warf daraufhin ein,
da� Wodka sich schlecht aufs Fahrradfahren auswirken k�nnte, doch Emmi meinte,
einer sei ok. Also wurde Wodka bestellt. Wir dachten, da� wir jetzt jeder ein
kleines Glas voll bekommen w�rden, da� wir dann schnell runterkippen k�nnten.
Falsch gedacht! Wir bekamen zwei riesig gro�e Humpen voll Wodka vorgesetzt.
Junge, junge! Jetzt hatten wir echt was zu tun.
Nachdem wir schlie�lich den Alkohol irgendwie eingebaut hatten, waren die
Verdauungsprobleme verschwunden und die Stimmung wurde heiter. Wir schwangen uns
auf die R�der und strampelten los . Vor uns lag eine etwa 5km lange
Bergauffahrt. Nach etwa 2km war unsere gute Laune verschwunden. Wir fluchten und
schimpften wie die Rohrspatzen, denn die Auffahrt erwies sich als �u�erst Steil,
was sich in Verbindung mit etwa 35�C Au�entemperatur nicht so gut machte. Als
wir endlich oben angekommen waren, ging es gleich wieder 5km runter. Wie
gewonnen, so zerronnen. Insgesamt fuhren wir noch viel bergauf und bergab bis
wir kurz vor die �sterreichische Grenze gelangten. Das war eigentlich nicht so
geplant. Wir wollten urspr�nglich �ber die Slowakei fahren, doch durch das viele
wilde Campen in den letzten Tagen hatten wir das Gef�hl, da� wir unbedingt eine
Dusche br�uchten. In �sterreich hofften wir daf�r ein Schwimmbad zu finden.
In der Nacht legten wir uns zum Schlafen auf einen unbestellten Acker, was sich
als b�se Fehlentscheidung erwies. Es stellte sich heraus, da� die tschechischen
Bauern bevorzugt Nachts arbeiten. Etwa gegen 23:00 r�ckten auf dem Nachbaracker
Traktoren an und begannen, G�lle zu verspritzen. Kurze Zeit sp�ter war der
Gestank so heftig, da� an schlafen eigentlich nicht mehr zu denken war, doch wir
waren so m�de vom Radfahren, da� wir uns nicht mehr aufraffen konnten,
umzuziehen. Also blieben wir liegen und hatten dann sogar etwas Gl�ck, da� gegen
00:30 Wind aufkam, der die verpestete Luft wieder ein wenig von uns wegtrug.
7. Tag: Heute fuhren wir �ber die Grenze nach �sterreich. Das
Veltliner Land ist eine sch�ne h�gelige Weinbaugegend. In der kleinen Stadt
Poysdorf fanden wir einen kleinen See, an den ein Freibad gebaut war. Hier
machten wir erstmal Pause. Gutgelaunt sprangen wir in den k�hlen klaren See und
konnten endlich, den ganzen Stra�enstaub und Dreck von unserer Haut waschen. Es
war ein tolles Gef�hl mal wieder Wasser am K�rper zu sp�ren. Nach einem l�ngeren
Sonnenbad, entschlossen wir uns dann schweren Herzens, wieder aufzusitzen.
An diesem Tag fuhren wir noch kurz bis vor die slowakische Grenze. Als es dunkel
zu werden begann, suchten wir nach einem geeigneten Platz zum Schlafen. Wir
bogen dazu von der Stra�e auf einen kleinen Feldweg ab und fuhren bis an die
Donau, die hier die gr�ne Grenze zwischen �sterreich und der Slowakei markiert.
Wir fanden eine kleine Wiese, auf der wir �berlegten unser Lager aufzuschlagen,
doch auf Grund einer Wolke von angriffslustigen hungrigen M�cken �berlegten wir
uns die Sache noch mal anders. Schnell wie der Blitz sa�en wir wieder auf den
R�dern und rasten zur�ck zur Stra�e. Mittlerweile war es schon dunkel geworden.
Wir schalteten unsere Lichter ein und strampelten weiter. Wenn man so durch die
Nacht radelt, ohne ein Ziel und ohne zu wissen, wo man schlafen kann, dann
leidet die Moral darunter. Man beginnt sich exentielle Fragen �ber denn Sinn und
Zweck einer solchen Unternehmung zu stellen. Daneben verflucht man die Menschen,
die zur selben Zeit gem�tlich in ihren gro�en H�usern sitzen, etwas leckeres zu
Abend essen und nicht im geringsten auf den Gedanken kommen, da� an ihrem Haus
gerade zwei m�de und hungrige Globetrotter vorbei fahren, die sie ohne Probleme
in ihrem Domizil f�r eine Nacht beherbergen k�nnten. Man f�ngt an, an der
christlichen N�chstenliebe zu zweifeln und denkt sich, da� hier wahrscheinlich
nur noch eine Revolution Abhilfe schaffen k�nnte. Alles in allem: Man F�hlt sich
nicht gerade toll und ist �berzeugt, da� es nicht schlimmeres auf der Welt gibt,
als Fahrradfahren.
W�hrend wir uns so vorw�rtsschleppten, entdeckte ich pl�tzlich einen kleinen
Wiesenweg, der von der Stra�e abging und an einem Acker entlangf�hrte. Ich
machte eine Vollbremsung und rief Emmi, der mit Karacho an mir vorbeiged�st war,
zur�ck. Wir schauten uns den Weg an, Leuchteten ihn mit unseren Lampen aus und
befanden einen Platz hinter einer Baumgruppe f�r geeignet. Routiniert packten
wir daraufhin alles aus, was wir zum schlafen brauchten, verstauten den Rest in
den Wasserdichten Packtaschen und lagen 5 min sp�ter, da wir keine Lust und
Energie mehr zum Abendessen hatten, in unseren Schlafs�cken.
8. Tag: �ber eine gro�e Donaubr�cke und dann entlang des
Donauradwanderweges gelangten wir �ber die Grenze in die Slowakei. Etwa 20km
sp�ter passierten wir das Ortsschild ‘Bratislava’. Durch eine sehr unsch�nes
Plattenbaugebiet radelten wir �ber ein Gewirr von Br�cken und zusammenlaufenden
Stra�en Richtung Centrum. Die Stra�e, auf der wir fuhren wurde immer gr��er,
und, ehe wir uns versahen, waren wir auf der Autobahn gelandet. Wer einmal mit
dem Fahrrad auf einer Autobahn ohne Randstreifen gefahren ist, der wird uns
jetzt mit Sicherheit nicht beneiden. Umdrehen geht auf der Autobahn nicht, also
mu�ten wir gute Miene zum b�sen Spiel machen. Wir fuhren so schnell wir konnten
(etwa 35 km/h) in der Hoffnung, bald eine Ausfahrt zu erreichen. Dem war aber
nicht so. Die Autobahn ging �ber eine gigantische Br�cken und
Stelzenkonstruktionen �ber die Vorst�dte und Au�enbezirke von Bratislava hinweg.
Die Autos sausten mit �ber hundert Sachen eng an uns vorbei und hupten uns
manchmal �rgerlich an. Mit dem Gedanken im Kopf, da� ich Autos hasse, gab ich
noch mal richtig Gas. Dicht hinter mir h�rte ich Emmi, wie auch er kr�ftig und
w�tend in die Pedal trat. Nach etwa 20min war der Spa� zu Ende. Wir kamen an
eine Ausfahrt und konnten die Autobahn verlassen. Unten stellten wir fest, da�
wir fast am Zentrum angekommen waren.
Das Zentrum von Pre�burg ist eine sehr sch�n hergerichtete Altstadt, die
durchaus beeindruckende Geb�ude und viele kleine Stra�encafes, Buchhandlungen
und Antiquariate vorzuweisen hat. Wie in Prag und in Telc trafen wir auch hier
auf eine Menge Touristen. Viele davon sind Amerikaner. In einem kleinen
Restaurant a�en wir etwas. Danach setzte ich mich auf eine Treppe und schrieb
ein paar Postkarten. Emmi ging w�hrenddessen in einen Buchladen. Als ich gerade
eine Karte fertig geschrieben hatte, kam pl�tzlich ein Schwarzer, mittleren
Alters, mit blonden Haaren und einem interessanten Gesicht, stellte sich etwa
ein Meter neben mich und begann, auf slowakisch Lieder aus ‘West Side Story’ zu
singen. Dazu hielt er jedem Passanten eine Blechdose vor die Nase, um etwas Geld
zu bekommen. Nachdem er etwa vier Lieder gesungen hatte, kam er zu mir, um etwas
Geld zu bekommen. Zu dumm, Emmi war mit dem gesamten slowakischen Geld
unterwegs, so da� ich ihm nur eine paar �sterreichische M�nzen anbieten konnte,
die ich gerade in meiner Tasche fand. Die wollte er aber nicht haben. Er gab mir
die Hand, drehte sich um und verschwand laut singend in irgendwelchen kleinen
Gassen. Kurze Zeit sp�ter kam Emmi wieder und wir beschlossen, weiterzufahren.
Schicksalsbewu�t tauchten wir wieder in den brodelnden Verkehr ein. Auf einer
heftig befahrenen staubigen Bundesstra�e qu�lten wir uns ca. 35km lang aus
Bratislava hinaus. Dann konnten wir auf eine kleine ruhige Landstra�e abbiegen,
der wir etwa 40km Richtung Grenze folgten. Gegen 18:00 Uhr kaufte wir in einem
kleinen Dorfladen etwas zu essen und setzten uns auf die Treppe einer Kirche.
Nachdem wir unseren Hunger gestillt hatten, �berlegten wir, wie es an diesem
Abend weitergehen sollte. Ich schlug vor, da� wir �ber die Grenze nach Ungarn
fahren k�nnten, von wo aus es noch etwa 15km bis zur Stadt Gy�r seien. Dort g�be
es laut meiner Karte eine Jugendherberge. Gesagt, getan! Wir radelten bis zur
Grenze, die wir nach Einbruch der Dunkelheit erreichten. Dort gab es etwas Twist
mit dem ungarischen Grenzschutz, da die Beamten nicht mit meinem vorl�ufigen
Reisepa� einverstanden waren. Sie diskutierten eine Weile, verschwanden mit
meinem Pa� in einem Hinterzimmer, wo sie ihn anscheinend auf die Echtheit
pr�ften, kamen wieder, stellten mir ein paar Fragen, die ich nicht richtig
verstand und winkten uns schlie�lich durch. Ich wechselte noch schnell etwas
Geld an der Grenze, und dann sausten wir durch die Nacht bis Gy�r. Dort fragte
Emmi einen Mann nach einer JuHe. Wir bekamen eine undeutliche Antwort in sehr
schlechtem Englisch. Laut dem Mann gab es in Gy�r keine JuHe, aber man k�nnte in
einer Uni �bernachten, weil da gerade Semesterferien seien. Er zeigte uns auf
einem Stadtplan, wo diese Uni sein sollte und wie wir dahin k�men. Mit einem
etwas komischen Gef�hl im Bauch machten wir uns auf den Weg. Wir kamen �ber eine
Br�cke und gelangten in einen Au�enbezirk von Gy�r, der ziemlich
heruntergekommen war. �berall sa�en �rmlich gekleidete Leute vor ihren H�usern
und auf gro�en M�llkontainern kletterten Kinder herum, die uns mit gro�en
staunenden Augen anschauten. Pl�tzlich rief und winkte uns eine �ltere Frau am
Stra�enrand zu. Sieh sah f�r meine Begriffe ziemlich nach Zigeunerin aus, und
ich hatte irgendwie keine gro�e Lust anzuhalten. Anders dagegen Emmi. Er fuhr zu
der Frau hin, und aus einiger Entfernung konnte ich erkennen, da� sie etwas
beredeten. Dann sah ich auf einmal, wie Emmi schnell auf sein Fahrrad sprang und
wie der Blitz zu mir gesaust kam.
„Was habt ihr denn so interessantes zu bequatschen gehabt,“ fragte ich daraufhin
neugierig und Emmi antwortete etwas verst�rt: „Die sind verr�ckt hier! Ich
dachte erst, da� die Alte uns vielleicht sagen wollte, wo wir hinfahren k�nnten,
aber die hat nur gesagt: ‘Du Ungar? Du etwa Deutscher? Aha, Du ficken?’ Mann,
la� uns hier abhauen, in so ‘ner Gegend gibt’s bestimmt keine Uni.“
Ich war mir aber nicht so sicher. Laut dem Stadtplan mu�te sie hier irgendwo
sein. Wir fuhren zu einer Bushaltestelle, wo ein Plan aushing und schauten noch
mal nach. Tats�chlich, ganz hier in der N�he mu�te es eine Uni geben. Kurze Zeit
sp�ter hatten wir sie gefunden. Doch leider war dort alles dunkel und
verschlossen. Nichts mit schlafen! Der Typ hatte uns anscheinend Mist erz�hlt.
Wir fuhren zur�ck ins Zentrum von Gy�r und �berlegten, was wir machen k�nnten.
Wir beschlossen, noch mal jemanden zu fragen. Als wir dies Taten, wurden wir
komischerweise wieder dorthin geschickt, woher wir kamen. Wir fuhren also noch
mal zur Uni und stellten fest, da� man hier immer noch nicht schlafen konnte.
Jetzt war guter Rat teuer. Planlos fuhren wir durch die Stadt und hatten keine
Idee, was wir machen sollten. Emmi begann darauf zu dr�ngen, in ein Hotel zu
gehen, weil er keine Lust mehr hatte, hier die ganze Nacht rumzubiken. Hotel war
mir eigentlich aus finanziellen Gr�nden nicht so recht, aber wenn ich ehrlich
war, ging bei mir auch langsam die Motivation fl�ten. Wir fragten also zwei
jugendliche in unserem Alter nach einem g�nstigen Hotel. Wir erfuhren, da� es
ein Bahnhofshotel g�be, was nicht so teuer, aber auch nicht so gut sei. Dann
fragten uns die beiden Ungaren, warum wir nicht zur Uni zum schlafen f�hren.
Etwas �rgerlich antworteten wir: „Weil man uns bei der Uni nicht reinl��t!“
Schlafen in der Uni bedeutete im Endeffekt schlafen vor der Uni und darauf
hatten wir angesichts der Lage der Uni keine Lust. Emmi wollte gleich zum
Bahnhof fahren, doch ich z�gerte noch etwas. Warum hatten uns drei verschiedene
Einheimische beteuert, da� wir in der Uni schlafen k�nnten? Vielleicht hatten
wir etwas �bersehen, oder waren zum falschen Geb�ude gefahren. Ich �berlegte
eine Weile und fragte dann vorsichtig bei Emmi an, ob er sich vorstellen k�nnte,
noch ein letztes Mal zur Uni zu fahren. Die Antwort war ein klares NEIN! Dieses
nein bewirkte aber bei mir, da� mein Dickkopf sich zu Wort meldete und anfing,
gegen Emmis auch nicht zu verachtenden Dickkopf anzudiskutieren. Ich war der
Meinung, da� uns das Bahnhofshotel nicht weglaufen w�rde und wir deshalb noch
einmal zur Uni fahren k�nnten. Nach einer etwa 5 min�tigen Diskussion konnte ich
mich schlie�lich durchsetzten. Wir machten uns ein drittes Mal auf den Weg ins ‘Zigeunervirtel’.
Dort fanden wir alles wie bei den vorherigen besuchen vor. Jetzt mu�te ich
entweder meine Niederlage eingestehen, oder mir etwas einfallen lassen. Ich
stieg vom Fahrrad, ging zum Haupteingang und began, an die T�r zu klopfen. 20
Sekunden sp�ter ging pl�tzlich ein Licht im Flur an, und ein altes M�tterchen
kam herausgewackelt. Ich begr��te die betagte Dame in meinem besten Englisch und
verk�ndete ihr, da� wir hier Schlafen wollten. Nachdem ich ihr alles gesagt
hatte, stellte ich fest, da� sie kein Wort verstanden hatte. Also betete ich ihr
unsere ganze Geschichte noch mal auf Deutsch vor. Kam aber auch nicht so gut an.
Dann gab es nur noch die Zeichensprache und, Oh Wunder, auf einmal war ihr klar
was ich meinte. Sie bedeutete uns, da� wir hier nicht schlafen k�nnten, es aber
in der N�he ein Internat g�be, in dem G�ste �bernachten k�nnten. Dann zeichnete
sie uns den Weg auf eine St�ck Papier auf und entlie� uns mit einem B�ndel
Ungarischer S�tze und Segensw�nsche wieder in die Nacht. Mittlerweile war es
23:00 und wir waren echt m�de.
Das Internat erwies sich als riesengro�es Plattenbaugeb�ude mit unz�hligen
Eing�ngen. Nach l�ngerem Suchen fanden wir schlie�lich einen Eingang hinter dem
ein Pf�rtner sa�, der uns reinlie�. Der Pf�rtner holte einen anderen Mann, der
etwas Englisch konnte und mit dem konnten wir dann �ber die Nacht verhandeln.
Erfolgreich! F�r etwa 12 Mark pro Person bekamen wir ein recht ordentliches
Doppelzimmer, da� sogar ein Bad hatte. Total ersch�pft lie� ich mich aufs Bett
fallen. Wir waren an diesem Tag 135km gefahren, soviel wie an keinem der
vorhergegangenen Tage. W�hrend ich nur noch ans schlafen denken konnte, beschlo�
Emmi, sich noch ein paar Nudeln zu kochen. Von dem Ende dieser Kochsession habe
ich nichts mehr mitbekommen, weil ich da schon fest eingeschlafen war.
9. Tag: Wir fr�hst�ckten in Gy�r und versuchten dann, in
Richtung Balaton aus Gy�r wieder hinauszukommen, was sich als ziemlich schwierig
erwies, da auf den meisten Stra�en aus irgendwelchen sonderbaren Gr�nden das
Fahrradfahren verboten war. Schlie�lich widersetzten wir uns diesem Verbot und
verlie�en Gy�r �ber eine gr��ere Bundesstra�e. Etwa 10 km hinter Gy�r sind wir
dann auf eine kleine Landstra�e abgebogen, was sich im Nachhinein als nicht so
oberschlau erwies, weil diese Stra�e nach einiger Zeit zu einer fast nicht
befahrbaren Sandpiste mutierte. Was jetzt folgte war ein etwa 10km langer Kampf
durch Sand und H�gel. Oft mu�ten wir absteigen und schieben, weil die Strecke
einfach nicht mehr mit unseren schwerbeladenen R�dern befahrbar war. Nach etwa
einer Stunde erreichten wir schlie�lich fix und fertig wieder ‘festen Boden’.
Auf einer gut geteerten Stra�e fuhren wir bis zu dem kleinen Ort T�t. Hier
machten wir eine Pause.
W�hrend wir uns auf einer Bank ausruhten, kam pl�tzlich ein alter Mann mit einem
kleinen Blumenstrau� in der Hand zu uns und sprach uns an. Er hatte irgendwie
gemerkt, da� wir Deutsche sind. In einem unglaublichen Mix aus Deutsch und
Ungarisch begann er uns zu erz�hlen, da� fr�her sehr viele Deutsche in dieser
Gegend gewesen seien.
„Hitler! Hitler gut, sehr gut! Juden schlecht. Juden! Herrgott Sakrament! Juden!
Hitler gut! Juden mu�ten fressen Gras! Herrgott Sakrament!“ Der alte spukte
zweimal heftig auf den Boden und schaute uns forschend an. Wir wu�ten nicht so
recht, was wir sagen sollten. Etwas z�gernd antwortete ich: „Entschuldigung,
aber so etwas h�ren wir in Deutschland heute nicht mehr so gern.“
Der Alte h�rte mir nicht richtig zu. Er fuhr fort Hitler zu loben und die Juden
zu beschimpfen. Dann machte er einen kleinen Schwenk zu den Russen, die nach
seiner Ansicht die allerschschlimmsten seien, weil sie bei ihrem Abzug aus
Ungarn das silberne Kreuz und die heilige Mutter Maria aus T�t mitgenommen
h�tten. Die Russen seien die Allerschlimmsten sagte uns der Alte noch einmal
nachdr�cklich und ging dann weiter Richtung Friedhof. Erstaunt schauten wir ihm
noch eine Weile nach und schwangen uns dann wieder in die S�ttel.
W�hrend wir weiterfuhren, dachte ich noch etwas �ber die eben gef�hrte
Unterhaltung nach. Den Ha� auf die Russen konnte ich irgendwie nachvollziehen.
Ich erinnerte mich an einen Film, den ich mal in der Schule gesehen hatte, und
der von dem verzweifelten Kampf der Ungarn gegen die Sowjets handelte. In den
f�nfziger Jahren war es Polen geschickt gelungen, den Einflu� Ru�lands etwas zu
verringern. Ungarn wollte diesem Beispiel folgen. Mitte der f�nfziger Jahre
gingen die Arbeiter auf die Stra�e und forderten die Unabh�ngigkeit f�r Ungarn.
Der neu gew�hlte und im Volk sehr beliebte Ministerpr�sident Imre Nagy bem�hte
sich nach Stalins Tod verzweifelt um die Lockerung des stalinistischen Systems,
was sich, vor allem auch innenpolitisch, als unm�glich erwies. 1956 entlud sich
dann im gro�en Ungarn Aufstand die Unzufriedenheit der Bev�lkerung mit der
kommunistischen Partei und der Staatsf�hrung. Nagy blieb nichts anderes �brig,
als den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt zu verk�ndigen und den Westen
um Hilfe zu bitten. Unmittelbar darauf rollten russische Panzer in Ungarn ein
und begannen, die sich wehrende Bev�lkerung zu bek�mpfen. Der Westen brach sein
Versprechen, Ungarn mit allen Mitteln bei seinen Bestrebungen nach
Unabh�ngigkeit zu unterst�tzen und so konnte die russische Armee im Nov. ‘56
ungest�rt den Aufstand niederschlagen und die politische F�hrung des Landes neu
besetzen . Das Resultat: Viele Tote und verwundete Ungarn und eine tief
eingebrannte Russenfeindlichkeit. Wahrscheinlich erinnerte sich der alte Mann
noch gut an diese Zeiten. Woher aber der Ha� gegen die Juden und die Sympathie
f�r Hitler kamen, ist mir bis heute ein R�tsel geblieben.
Nachdem wir eine weile gefahren waren, wurden wir pl�tzlich von einer Kolonne
gro�er Erntemaschinen �berholt. Ohne zu z�gern traten wir schnell in die Pedale
und hingen uns an die letzte hinten dran. Mit Tempo 30 lie�en wir uns eine
Strecke von etwa 15km ziehen. Dann bogen die Maschinen ab und unsere Wege
trennten sich wieder.
Kurze Zeit sp�ter holten wir einen etwa 40 j�hrigen Biker aus Passau ein, der
sich als ‘Manu’ vorstellte und uns erz�hlte, da� er gerade seinen
‘Abenteuerurlaub’ machen w�rde. Er kam von Wien und wollte bis zum Balaton
radeln. Wir beschlossen, ein St�ck des Weges gemeinsam zu fahren. F�r sein Alter
war Manu ganz gut in Form. Er fluchte zwar furchtbar �ber die ganzen Berge, und
da� das Biken so keinen Spa� machen w�rde, aber er konnte mit unserem Tempo
mithalten. Gegen Abend erreichten wir schlie�lich eine gr��ere Stra�e. Hier
trennten wir uns von Manu, da dieser zur Ostseite des Balatons wollte, wir
dagegen die Westseite anvisiert hatten.
Wir fuhren an diesem Abend noch bis Ajka, wo wir ein g�nstiges Hotel zum
�bernachten fanden. Das Hotel hatte den Vorteil, da� wir endlich in Ruhe W�sche
waschen konnten, was bitter n�tig war. Am Abend schlenderten wir noch etwas zu
Fu� durch die Stadt, a�en bei einem Italiener Pizza und schauten noch bei einer
kleine Cocktailbar vorbei, wo wir uns jeder einen Drink genehmigten. Dann ging
es zur�ck ins Hotel wo wir dem Tag ein ende setzten.
10. Tag: Wir fr�hst�ckten im Hotel und machten uns dann relativ
fr�h auf den Weg Richtung Balaton, den wir nach etwa 60km erreichten. Nach einem
erfrischenden Bad im See fuhren wir durch sehr touristisches Gel�nde bis zur
Stadt Keszthely, die am westlichen Ufer des Balatons liegt. Hier besichtigten
wir zwei imposante Kirchen und fuhren dann zum Bahnhof. Wir hatten n�mlich
beschlossen, da� wir einen Abstecher nach Kroatien machen wollten. Emmi meinte,
da� es sich lohnen w�rde, Zagreb zu besichtigen. Um diesen Umweg mit unserem
Zeitplan vereinbar zu machen, mu�ten wir etwas auf die Hilfe der Bahn
zur�ckgreifen. Das erwies sich aber als �u�erst kompliziert. Nachdem wir am
Schalter unser Anliegen geschildert hatten (N�mlich da� wir mit dem Zug + Bikes
nach Zagreb fahren wollten), sagte uns die Schalterdame, da� wir uns in den
Warteraum setzten sollten, weil das etwas mehr Zeit in Anspruch n�hme. Wir
warteten also und sahen der Dame am Schalter zu, wie sie andere Fahrg�ste
bediente, wie sie rauchte und sich eine dickes Br�tchen in den Mund schob. Nach
etwa einer Stunde Wartezeit kam uns die Sache etwas komisch vor. Wir gingen zum
Schalter und sagten, da� wir jetzt gerne unsere Verbindung h�tten. Die Dame
meinte daraufhin, da� es zwar eine Verbindung nach Zagreb g�be, aber wir w�rden
die Fahrr�der im Zug nicht �ber die Grenze bekommen. Der Kroatische Zoll w�rde
das nicht mitmachen. Wir m��ten also an der Grenze aussteigen und mit dem
Fahrrad r�berfahren und auf der anderen Seite wieder einsteigen. Etwas
verwundert schauten wir uns daraufhin auf der Karte an, wo der Zug �ber die
Grenze gehen sollte und stellten fest, da� dies nur ein Eisenbahn Grenz�bergang
war. Der n�chste Grenz�bergang, wo wir mit unseren Bikes nach Kroatien gelangen
konnten lag etwa 50km weiter �stlich. W�hrend wir so �berlegten, kam pl�tzlich
ein Mann in unserem alter auf uns zu, stellte sich als Christian vor und bot uns
seine Hilfe an. Christian war in Deutschland geboren, hat aber eine Ungarische
Mutter, mit der er seit etwa 12 Jahren in Ungarn lebt. Wir sagten ihm, da� wir
nach Zagreb wollten, die Dame am Schalter uns daf�r aber keine Tickets verkaufen
wolle, weil es Probleme mit den R�dern g�be. Christian diskutierte daraufhin
eine Weile auf Ungarisch mit der Frau und sagte uns dann, da� wir hier nur ein
Ticket bis zur Grenze l�sen k�nnten. Dort m��ten wir aussteigen und mit dem
kroatischen Zoll und dem Schaffner reden, ob wir mit dem Zug und den Bikes
weiterfahren d�rfen. Das k�nnte aber etwas problematisch werden!
Emmi war im Gegensatz zu mir optimistisch und meinte, da� wir das schon
irgendwie geregelt bekommen w�rden. Wir kauften also Tickets bis zur Grenze und
setzten uns in den Zug. Christian fuhr auch ein St�ck in unserer Richtung, was
uns erm�glichte, von ihm noch einiges �ber Ungarn zu erfahren. Gegen 22:00
erreichten wir dann die Grenze, wo wir erstmal ausstiegen. Hier merkten wir
schnell, was Christian mit ‘Problematisch’ meinte. Nach einer kurzen und
deutlichen Unterredung mit dem kroatischen Schaffner mu�ten wir feststellen, da�
wir hier wohl eine Niederlage kassieren w�rden. So war es dann auch. Der Zug
fuhr ohne uns ab, und wir standen mitten in der Nacht auf einem verlassenen
Bahnhof, der zu dem kleinen trostlosen Ort Gyek�nyes geh�rte. Ich schlo� kurz
die Augen und w�nschte mich ganz weit weg von hier.
Wenig sp�ter rafften wir uns dann auf, kauften am Bahnhof noch ein bi�chen
Schokolade und etwas zu trinken, schwangen uns dann entt�uscht auf die R�der und
nahmen die Fahrt Richtung Grenz�bergang in Angriff. Auf unserem Weg durch die
absolute Einsamkeit mu�ten wir mehrmals Angriffen streunender Hunde ausweichen.
Es war eine echt seltsame Gegend in die wir da gekommen waren. Nach etwa zwanzig
Kilometer Nachtfahrt durch absolute Pampa entdeckten wir einen kleinen Weg, der
in einen Wald hinein f�hrte. In einiger Entfernung konnten wir im Licht des
Mondes eine kleine Lichtung erkennen. Ohne lang zu �berlegen waren wir uns
schnell einig, da� wir hier schlafen w�rden. Unter einem gro�en Baum richteten
wir unser Nachtlager her und legten uns hin. Kurze Zeit sp�ter mu�ten wir
feststellen, da� der Platz vielleicht nicht ganz ideal gew�hlt war, denn von dem
Baum fielen in Regelm��igen abst�nden gro�e Stachelige Fr�chte herab und
schlugen wie kleine Granaten dicht neben uns in den Boden ein. Wir standen also
noch mal auf und zogen unsere Planen mit dem ganzen Krempel drauf aus der
Schu�reichweite. Dann kuschelten wir uns erneut in unsere Schlafs�cke und
machten die Augen zu. W�hrend wir so langsam ins reich der Tr�ume hin�berglitten
wurden wir pl�tzlich von Hundebellen geweckt. In der gesamten Umgebung hatten
auf einmal die Hunde angefangen, wild alarm zu schlagen und wenig sp�ter lief es
uns dann auf einmal kalt den R�cken hinunter. In etwa 500m Entfernung h�rten wir
ein tiefes und bedrohliches Brummen. Oh Shit! Ich hatte mal gelesen, da� es in
Jugoslawien und Kroatien noch vereinzelt B�ren geben sollte. Konnte es etwa
sein, da� sich einer von diesen Burschen hierher verirrt hatte? Uns wurde
ehrlich etwas unwohl zu mute. Wir h�ren es knacken und rascheln im Wald und
immer wieder dr�hnte dieses schreckliche Brummen zu her�ber. Dann war pl�tzlich
alles Still. Angestrengt lauschten wir in die Nacht. Alles blieb ruhig. Etwas
mi�trauisch schlossen wir daraufhin die Augen und versuchten, uns zu entspannen.
Nachdem wir noch eine Weile aufmerksam mit dem Geh�r die Gegend abgesucht
hatten, schliefen wir schlie�lich ein.
11. Tag: Am n�chsten morgen wachten wir auf, als ein Bauer mit
seinem kleinen Traktor an unserer Lichtung vorbeifuhrt. Wir stellten fest, da�
wir noch lebendig waren. Der B�r hatte in der letzten Nacht anscheinend nicht so
gro�e Lust auf Menschenfleisch gehabt.
An diesem Vormittag fuhren wir bis Gola, wo wir die Grenze passieren. Kroatien
pr�sentierte sich uns freundlich und eben. Wir fuhren auf ruhigen Stra�en bis
zur Stadt Kopreven�ce. Hier wechselten wir Geld, kauften in einem Supermarkt
etwas zu essen und fuhren anschlie�end zum Bahnhof. Hier bekamen wir am Schalter
gesagt, da� in Kroatien die Fahrradmitnahme im Zug eigentlich nicht m�glich sei.
Wir k�nnten aber mit dem Schaffner reden und, wenn wir Gl�ck haben, dann nimmt
er uns mit. So machten wir das dann auch. Ein netter Bahnvorsteher, der etwas
italienisch konnte, half uns bei der Korrespondenz mit dem Schaffner. Er sagte
uns, da� wenn wir mit dem Schaffner ein Bier trinken w�rden, er uns mit den
Fahrr�dern nach Zagreb mitnehmen w�rde. Dann luden wir unsere Bikes in den Zug.
Als der Schaffner vorbei kam, fragten wir ihn, was wir f�r die Fahrr�der zu
zahlen h�tten und wie wir das mit dem Biertrinken regeln sollten. Der Schaffner
winkte daraufhin nur ab und meinte freundlich, da� es ok sei.
Gegen 15:00 erreichten wir Zagreb. Hier suchten wir uns zuerst eine Touristen
Information, um zu erfahren, wo hier die JuHe sei. Kurze Zeit sp�ter, hatten wir
die JuHe gefunden und mu�ten erstmal verdauen, da� die Preise hier wirklich
gewaltig waren, selbst in einer JuHe. Nachdem ich noch mal Geld gewechselt
hatte, machten wir uns zu Fu� auf den Weg zum Bahnhof, um f�r den n�chsten Tag
eine Verbindung Richtung Westen zu bekommen.
Am Bahnhof erkannten wir dann, da� die kroatische Bahn ein Kapitel f�r sich ist.
Unser Plan war es, mit dem Zug bis nach Rijeka zu fahren, um dann durch die
Berge mit den Fahrr�dern bis nach Slovenien ans Mittelmeer zu gelangen. Mit
diesem Anliegen gingen wir zu einem Fahrkartenverkauf. Das Ergebnis war, da� wir
von einem Schalter zum n�chsten geschickt wurden. �berall bekamen wir
verschiedene Verbindungen und Preise genannt. Aber in einem Punkt waren sich
alle einig: Fahrrad und Bahn, das ist in Kroatien nicht m�glich! An der
Information sagte man uns, da� wir die Bikes als G�terfracht bei ‘Dom Express’,
einer Frachtgesellschaft, abgeben m��ten. Wir wu�ten aber aus Koprevenice, da�
die Firma ‘Dom Express’ keine Fahrr�der transportiert. Also fingen wir an mit
der Informationsdame etwas rumzustreiten. Das Ergebnis war, da� sie ihren
Schalter �rgerlich zu machte und uns etwas auf Kroatisch sagte, was
wahrscheinlich so viel hie�, wie ‘La�t Euch hier blo� nie wieder blicken’.
Mensch, jetzt war ich wirklich etwas sauer. Die dummen unflexiblen Kroaten waren
echt auf dem besten Wege, uns unsere Tour zu vermiesen. Von Zagreb w�ren es
mind. 400 km durchs Kroatische Hochgebirge bis zum Meer gewesen. Wenn die uns
hier morgen nicht mit dem Zug mitnehmen’, dachte ich mir, ‘dann bin ich so
geladen, da� ich mich auf mein Bike setzte und Tag und nacht durchbrettere, bis
ich am Meer bin. Von den linken Kroaten la� ich es mir nicht verbieten, ans Meer
zu fahren.
Frustriert schlenderten wir etwas am Bahnhof rum, bis wir pl�tzlich von einem
Mann auf Deutsch angesprochen wurden. Er fragte uns, ob wir eine Deutsche
Zeitung geschenkt haben wollten. Er gab uns eine ‘Bild’ und erz�hlt uns, da� er
eigentlich Deutscher sei, aber aus irgendwelchen komischen Gr�nden nur einen
kroatischen Pa� hat. Vor acht Jahren h�tte er von Deutschland aus einmal Urlaub
in Kroatien gemacht, und, als er wieder zur�ck in die Heimat wollte, wurde er
vom deutschen Grenzschutz nicht mehr reingelassen. Seitdem sitzt er in Zagreb
auf dem Bahnhof, kauft sich jeden Tag verschiedene Deutsche Zeitungen und
sinniert �ber sein Ungl�ck nach.
„Die Kroaten sind ein furchtbares Volk,“ erz�hlte er uns. „Das sind total
Bekloppte, die haben keine Ahnung von nichts und beschei�en wo sie nur k�nnen.“
‘Das kann uns morgen eigentlich nur entgegen kommen’, dachte ich mir. ‘Ohne
beschei�en und bestechen kommen wir bestimmt nicht mit dem Zug nach Rijeka.’
Zum Abschied gab ich dem ‘Landsmann’ noch etwas Geld, da� er dankbar annahm.
Dann machten wir uns auf, um uns noch etwas die Stadt anzuschauen. Wir hatten
eingesehen, da� wir hier am Bahnhof nichts mehr ausrichten konnten.
Zagreb selbst hat eine sch�ne renovierte Altstadt. In einer kleinen Pizzaria
bestellen wir uns etwas zu essen. Wir bekamen zwei riesengro�e Pizzen , wor�ber
wir uns etwas wundern, denn wir hatten nur zwei kleine Pizzas bestellt. F�r die
gro�en h�tte unser Geld gar nicht mehr gereicht. Weil wir aber sehr hungrig
waren, beschlossen wir trotzdem zu essen und uns �berraschen zu lassen. Nach dem
Essen bekamen wir die Rechnung und stellten fest, da� wir wirklich nur die
kleinen Pizzas gegessen hatten. Wie die gro�en dann ausgefallen w�ren, die
doppelt so teuer waren, konnte ich mir zwar nicht vorstellen, aber mir war es
recht, denn ich war gut satt geworden.
Wir schauten uns noch ein paar Stunden die Stadt an, schrieben ein paar
Postkarten und gingen dann zur�ck in die JuHe. Wir hatten beschlossen, am
n�chsten Morgen ganz fr�h zum Bahnhof zu gehen, denn um 6:00 sollte ein Zug nach
Rijeka fahren. Vielleicht war der noch nicht so voll, und wir konnten mit dem
Schaffner reden. Mit der Hoffnung, um 5:00 aufzuwachen, wir hatten n�mlich
keinen Wecker dabei, legten wir uns schlafen.
12. Tag: Ich wachte etwa um 5:30 auf, sprang aus dem Bett und
sch�ttelte Emmi so lange, bis er wach wurde. Dann packten wir schnell unser Zeug
und verlie�en die JuHe. Am Bahnhof mu�ten wir feststellen, da� nur ein
Fahrkartenschalter um diese Zeit ge�ffnet war, und hinter dem sa� die Dame, mit
der wir gestern gezankt hatten. Als sie uns kommen sah, setzte sie gleich ein
m�chtig unfreundliches Gesicht auf, und, als ich ihr dann ganz freundlich einen
guten Morgen w�nschte, fing sie gleich an, nach dem Motto, ob sie sich gestern
nicht deutlich ausgedr�ckt h�tte und ob alle Deutschen so schwer von Begriff
seien, loszuschimpfen. Mit viel M�he gelang es mir schlie�lich, mich in ihren
Monolog einzuklinken. Ich machte ihr ganz Sachlich klar, da� wir nur zwei
einfache Fahrkarten nach Rijeka haben m�chten. Die R�der k�nne sie einfach
vergessen, die existierten �berhaupt nicht. Na gut, schlie�lich gab die Dame
nach und verkaufte uns etwas mi�trauisch die Tickets, mit denen wir zum Zug
rannten, der schon am Bahnsteig wartete. Wir fanden auch relativ schnell einen
Schaffner, der ziemlich gut Englisch konnte und uns klarmachte, da� er
mindestens 50 Mark erwartete, daf�r, da� wir die Bikes mitnehmen k�nnten.
„50 Marks? That’s expensive, Sir,“ antworte ich ihm. Der Schaffner zuckte
daraufhin mit den Schultern und sagt: „That’s Croatia! 50 Marks and you can take
the bikes to Rijeka.“
Ok, wir hielten eine kurze Ratsversammlung ab und beschlossen dann einstimmig,
das Angebot anzunehmen. Wir sagten dem Schaffner, da� wir im Zug bezahlen w�rden
und wuchten die Fahrr�der in den engen Gang. Wenig sp�ter fuhr der Zug los, und
der Schaffner kam vorbei. Ich holte mein gesamtes kroatisches Geld aus der
Tasche, wurde dann aber angenehm �berrascht. Der Schaffner meint, er h�tte sich
die Sache �berlegt, wir m��ten ausnahmsweise nur umgerechnet etwa 25Mark f�r
beide Bikes bezahlen. Nachdem ich bezahlt und dem Mann f�r seine ‘gro�e
Freundlichkeit’ gedankt hatte ging ich zu Emmi, der sich in ein Abteil gesetzt
hatte, wo er mit zwei Typen aus Deutschland quatschte, die gerade per Interrail
durch Osteuropa unterwegs waren und an die kroatische Adriak�ste nach Pula
wollten.
Die Zugfahrt nach Rijeka gestalltete sich als spannend und sch�n. Der Zug fuhr
durch endlose einsame W�lder und begann etwa eine Stunde hinter Zagreb, sich ins
Gebirge hochzuschrauben. Etwa drei Stunden fuhren wir durch wildestes Bergland,
ehe wir dann pl�tzlich tief unten die Bucht von Rijeka erblicken konnten. Aus
etwa 1000m H�he kletterte der Zug in kurzer Zeit bis hinunter zum Meer. In
Rijeka stiegen wir aus, kauften etwas zu essen und fuhren zum Hafen, weil wir am
Meer fr�hst�cken wollten. Am Hafen verirrten wir uns dann etwas in den vielen
kleinen Gassen zwischen den Lagerhallen. Aus einer der offenen Lagerhalle h�rten
wir pl�tzlich den Gesang einer Frauenstimme und ein paar gr�lende M�nner.
Neugierig fuhren wir hin und sahen in der Mitte der Halle einen kleinen dicken
Mann, der mit einer Rumflasche in der Hand auf einem Holzfass stand und mit
einer erstaunlich hohen Stimme Seemannslieder zum besten gab. Um ihn herum stand
eine Horde betrunkener Matrosen, die anscheinend einen heiden Spa� an dem
Schauspiel hatten. Nachdem wir etwas geguckt hatten, fuhren wir weiter, bis wir
an einem kleinen Kanal schlie�lich eine Bank fanden, auf der wir uns zum
fr�hst�cken niederlie�en. Anschlie�end machten wir uns wieder auf den Weg. Auf
einer gro�en Stra�e fuhren wir wieder in die Berge Richtung Slovenien. M�hsam
k�mpften wir uns den ganzen Weg wieder hoch, den wir eben erst mit dem Zug
heruntergefahren waren. Oft wurden wir dabei von kroatischen Autofahrern von
hinten angehubt. Ich wei� bis heute nicht ob diese in Kroatien weit verbreitete
unsch�ne Geste freundlich oder b�se gemeint ist.
20km hinter Rijeka verlie�en wir dann die gro�e Stra�e und fuhren in die
absolute Bergwildnis hinein. Auf kleinen gut geteerten Stra�en arbeiteten wir
uns durch die eindrucksvolle Natur, bis wir schlie�lich an die Slovenische
Grenze gelangten, wo wir zwei kroatischen Grenzbeamten aufschreckten, die gerade
am Boccha spielen waren und sich sehr erstaunt zeigten, da� mal jemand bei ihnen
vorbeikam. Sie sagten uns, da� wir hier nicht �ber die Grenze k�nnten, da dies
kein richtiger �bergang sei. Wir m��ten zum n�chsten offiziellen �bergang
fahren, was f�r uns einen Umweg von etwa 40km bedeutete. Etwas entt�uscht
schwangen wir uns wieder in die S�ttel. Wir wu�ten, da� die kroatischen Grenzer
mit Vorsicht zu genie�en waren. Hier half kein bitten und kein betteln. Wir
mu�ten noch etwas Zeit in Kroatien verbringen.
Gegen Abend erreichten wir einen ziemlich hochgelegenen Punkt im Gebirge. Vor
uns breitete sich tief unten h�geliges Land aus. Weit in der Ferne konnten wir
einen kleinen Streifen vom Meer erkennen, der am Horizont mit der blutrot
untergehenden Sonne zusammenstie�. So ein Ausblick hebt die Stimmung ungemein.
Wir setzten unsere Helme auf und begannen, mit 60 Sachen in einer
abenteuerlichen Abfahrt dem Sonnenuntergang entgegenzurasen.
Auf einem dem Gebirge vorgelagerten H�gel schlugen wir dann unser Camp auf. Auch
wenn der Lagerplatz etwas unkomfortabel war, weil das Gras hoch war und �berall
Steine auf dem Boden lagen, war dieser Ort meiner Meinung nach der sch�nste
Platz, wo wir bisher waren. Einsam, fern von jeglicher Zivilisation, lagen wir
in unseren Schlafs�cken, umgeben von einer Natur, wie ich sie sch�ner bisher
selten gesehen hatte. �ber uns begannen mit der Zeit immer mehr Sterne
aufzuleuchten. Zuversichtlich und zufrieden schlossen wir die Augen und lie�en
uns ins Reich der Tr�ume entf�hren.
13. Tag: Nach einer sehr kalten Nacht, machten wir uns zeitig
auf den Weg (nachdem Emmi mal wieder im Knobeln verloren hatte und laut fluchend
die T�pfe von unserer letzten Kochsession sauber machen mu�te). Wir fuhren etwa
15km bis nach Buzet, wo wir fr�hst�ckten. Danach machten wir uns auf den Weg
nach Slovenien, was wir am sp�teren Vormittag erreichten. In Slovenien konnten
wir dann bis nach Koper zum Meer in einer tollen Abfahrt runterd�sen. Endlich
Mittelmeer! Wir waren total happy. In dem Ort Ancaran setzten wir uns in eine
kleine Trattoria, a�en etwas und schrieben ein paar Postkarten. Dann fuhren wir
auf einer sch�nen Stra�e direkt am Meer entlang bis nach Triest (Italien). Wir
hatten geplant, da� wir irgendwo hinter Triest am Meer campen wollten.
Dummerweise war dort Steilk�ste. Die Stra�e stieg auf etwa 400m an und f�hrte
hoch �ber dem Meer nach Norden. Rechts uns links gab es nur Felswand. Langsam
wurde es dunkel, so da� alles daraufhin deutetet, da� wir mal wieder nachtfahren
mu�ten. Stetig bergauf m�hten wir uns voran. Wir hatten seit bestimmt acht
Stunden nichts mehr gegessen und waren relativ m�de. Nach einer Weile gelangten
wir in einen Zustand, der auf einer solchen Tour �fters vorkommt. Man k�mpft
sich vorw�rts, ohne zu denken. Alles ist einem gleichg�ltig. Unsere Beine
arbeiteten wie die Pleulstangen einer Maschine, auf und ab und auf und ab. Wir
merkten es nicht mehr, waren zu Automaten, zu Robotern geworden.
Gegen 22:30 erreichten wir schlie�lich einen kleinen Ort, in dem es einen
Campingplatz gab. Wir wu�ten zwar, da� Campingpl�tze in Italien ziemlich teuer
sind, doch hatten wir keine Lust mehr, weiterzustrampeln. Emmi konnte dann mit
seinen vorz�glichen Italienischkenntnissen sogar noch einen Sonderpreis f�r uns
heraushandeln, weil wir sagten, da� wir ohne Zelt einfach so auf dem Boden
schlafen wollten.
Der Platz selbst war in gutem Zustand, und wir waren ganz froh dar�ber, endlich
mal wieder eine Dusche und Sanit�re Anlagen benutzten zu k�nnen. An diesem Abend
kochten wir uns noch eine gro�e Portion Tortellini mit Tomatenso�e und legten
uns dann schlafen.
14. Tag: Heute hatten wir uns zum Ziel gesetzt, da� wir einen
sch�nen Strand finden wollten, an dem wir Baden und mal eine l�nger Pause
einschieben konnten. Daf�r fuhren wir auf eine schmale langgezogene Halbinsel
bis zu dem Badeort Grado. Hier gab es zwar Str�nde, aber es gefiel uns nicht so
richtig, weil es alles ziemlich verdreckt und Grado ein absoluter Touristenort
war. Also fuhren wir zur�ck aufs Festland. Wir beschlossen bis zu dem kleinen
Fischerdorf Maremo weiterzufahren, weil es auf unserer Karte so aussah, als g�be
es da gute Str�nde. Als wir Maremo erreichten, hatte die D�mmerung schon
eingesetzt. Wir mu�ten feststellen, da� wir uns gr�ndlich geirrt hatten. In
Maremo gab es nur einen dreckigen Hafen und sumpfiges Ackerland. Keine Str�nde!
Zum Weiterfahren war es jetzt zu sp�t, also schoben wir unsere Fahrr�der zu
einer kleinen gutgem�hten Wiese, die direkt an eine hohe Friedhofsmauer grenzte
und von einer Hecke umgeben war, so da� unser Lagerplatz von der Stra�e nicht so
gut gesehen werden konnte. Wir krochen in unsere Schlafs�cke und diskutierten
noch etwas, wohin wir morgen weiterfahren w�rden. Aus einiger Entfernung drang
von einer kleinen Hafenkneipe noch etwas L�rm zu uns her�ber, aber das st�rte
uns wenig. Wir waren eigentlich ganz zufrieden, mit unserem Lagerplatz und das
blieb auch so bis zu dem Zeitpunkt, wo Emmi auf seiner Plane eine Schnecke
entdeckte, die bedrohlich auf ihn zu kroch. Sofort wurden s�mtliche
Lichtquellen, die uns zur Verf�gung standen, eingeschaltet, und wir mu�ten
feststellen, da� es auf der Wiese etwa so viele Schnecken wie Ameisen auf einem
Ameisenhaufen gab. Es waren kleine Schnecken mit seltsamen Schneckenh�usern, die
sich magisch von unseren Planen angezogen f�hlten und einen gigantischen Feldzug
gestartet hatten. Schon bald waren unsere Planen und Taschen von Dutzende dieser
kleinen Biester �bers�t. Das Resultat war, da� wir uns etwa alle zwei Stunden
aufrichten mu�ten, um die kleinen Racker wieder von unseren Sachen zu entfernen.
Wir wollten n�mlich nicht riskieren, am n�chsten Morgen Schnecken im Schlafsack
oder in den Packtaschen zu haben. Bei diesen ‘Entfernungsunternehmungen’ kam es
manchmal vor, da� einer von uns, versehentlich oder absichtlich, eine Schnecke
zum Schlafsack des anderen r�berfliegen lie�. Solche Aktionen waren f�r die
Gruppenmoral in dieser Nacht nicht gerade f�rderlich, wurden aber trotzdem von
beiden Seiten ab und zu durchgef�hrt.
15. Tag: Am n�chsten Morgen wurden wir schon fr�h von
Friedhofspilgerern und aufs Meer fahrenden Fischern geweckt. Wir packten unsere
Sachen, wobei wir peinlich genau darauf achteten, keine Viecher mit einzupacken,
und verlie�en die Schneckenwiese.
�ber Latisana fuhren wir an diesem Vormittag bis nach C�orle, wo wir ebenfalls
Str�nde vermuteten. Ausnahmsweise wurden wir nicht entt�uscht. C�orle ist ein
typischer Touristen Ort, doch anscheinend war die Session hier schon vorbei. Wir
fanden tolle Str�nde vor, an denen nur ganz vereinzelt Menschen anzutreffen
waren.
Als erstes g�nnten wir uns ein ausgiebiges Bad im Meer. Danach kauften wir ein
und schlugen dann an einer guten Stelle unser Lager auf. Wir verbrachten den
Nachmittag mit Sonnen- und Meerbaden, und am Abend genehmigten wir uns in
Gegenwart der untergehenden Sonne eine Flasche Tequillar.
16. Tag: Entlang der Strandpromenade fuhren wir an diesem
Morgen Richtung Venedig. Nach etwa 4km erreichten wir den Ort Porto San
Margherita, wo wir einen sehr sch�nen Sandstrand vorfanden. Uns gefiel es hier
so gut, da� wir uns schnell einigen konnten, hier einen Strandtag einzuschieben.
Nachdem wir etwas eingekauft hatten, machten wir es uns deshalb am Strand
gem�tlich. Wir faulenzten in der Sonne, gingen ab und zu mal etwas baden und
genossen die spirituelle Stimmung, die durch das tiefblaue bewegte Meer erzeugt
wurde.
Gegen Abend fingen wir an, von den ins Meer gebauten Wellenbrechern, die
Muscheln abzuernten. Wir machten einen richtigen Wettbewerb daraus. Wer die
gr��te Miesmuschel fand, durfte bestimmen, wer den Abwasch machen mu�te. Ich
fand eine gigantische Riesenmiesmuschel und bestimmte daraufhin, da� Emmi nach
dem Abendessen abwaschen w�rde. Dann legten wir die Muschel in kochendes
Salzwasser, bis sie sich �ffneten. Das Innenleben holten wir heraus und warfen
es in einen Topf mit Tomatenso�e. Das Ergebnis unser Kochaktion: Spaghetti con
Frutti di mare. Sehr lecker! Dazu gab es eine Flasche Wein aus der Gegend von
Venedig.
Nach diesem vortrefflichen Mahl erbarmte ich mich, und half Emmi beim Abwaschen.
Dann setzten wir uns weit raus auf das Ende eines Wellenbrechers, a�en eine
Packung Kekse, tranken den Rest vom Wein und beobachteten, wie im Osten langsam
der Vollmond aufging und sich auf dem Wasser spiegelte. Am Himmel leuchteten die
Sterne auf, und wir genossen es, einfach ganz ruhig dazusitzen, und uns von der
Sch�nheit der Umgebung treiben zu lassen.
17. Tag: Nach dem Fr�hst�ck und einem ausgiebigen Morgenbad,
packten wir schweren Herzens unsere Sachen und machten uns auf den Weg nach
Venedig. Wir fuhren erst nach Eractea, wo es eine gr��ere Stra�e gibt, die bis
nach Mestre f�hrt. In Mestre ging es dann auf die etwa 3 Kilometer lange Br�cke
nach Venedig.
In Venedig merkten wir schnell, da� diese Stadt nicht f�r Fahrr�der gebaut ist.
Wir mu�ten die Bikes �ber unz�hlige Br�cken und Treppen tragen. Als wir uns
schlie�lich bis zum Bahnhof durchgeschlagen hatten, beschlossen wir, die
Fahrr�der bei der Gep�ckaufbewahrung abzugeben, was sich als ziemlich
kompliziert herausstellte, denn auf Fahrr�der war man hier anscheinend nicht
eingestellt. Nach einer l�ngeren Verhandlung konnten wir aber schlie�lich die
Bikes f�r 30000 Lire f�r 12h abgeben. Jetzt f�hlten wir uns freier und
beweglicher. Wir hatten etwa 7 Stunden Zeit, bis unser Zug nach Hause fahren
sollte und wollten noch m�glichst viel von Venedig mitnehmen. Mit einer F�hre
fuhren wir als erstes zum Piazza San Marco, wo sich eine riesige Menge von
Touristen dr�ngelte. Als wir den Platz einmal �berquert hatten, brach auf einmal
ein heftiges Gewitter �ber uns herein. In Sekunden schnelle war der ganze Platz
wie leergefegt. Bei str�mendem Regen schlenderten wir ein bi�chen durch die
L�den, die hier auch am Sonntag ge�ffnet haben. Wir kauften ein paar Postkarten
und a�en in einem kleinen Stehimbiss Minipizza. Als der Regen nachlie�, begannen
wir zu Fu� wieder Richtung Bahnhof zu laufen, wobei wir bewu�t einen Abstecher
zum weltber�hmten Museum der Madame Guggenheimer machten. Leider war das Museum
schon zu, aber im Museumsshop konnten wir etwas im Katalog bl�ttern und einen
Eindruck davon bekommen, was f�r tolle Sachen uns da entgangen waren. Besonders
die zahlreichen syrealistischen Bilder h�tten mich interessiert. Schade!
Bis zum Abend liefen wir noch kreuz und quer in Venedig umher. Etwa um 20:00
gingen wir dann zum Bahnhof, um die Fahrkarten zu kaufen und die Bikes
abzuholen. Am Schalter z�gerte der Verk�ufer etwas, als wir ihm unser Fahrziel
nannten. Dann verschwand er und kam kurz darauf mit einer ‘Horrormeldung’
wieder. Ab 21:00 w�re ein nationaler Bahnstreik in Italien ausgerufen, der
mindestens 24h ginge (und auch noch verl�ngert werden k�nnte). Unser Zug, der um
21:15 fahren sollte, sei einer der ersten, die nicht mehr fahren w�rden.
Donnerschlag! Das war wirklich nicht nett. Unser Geld war fast alle, Emmi hatte
Termine in Deutschland, und wir sa�en hier in Venedig auf dem Bahnhof fest.
Nachdem wir etwas geflucht und die italienische Bahn verw�nscht hatten, ging
Emmi erstmal telefonieren (Um seine Termine zu verschieben). Dann kauften wir
etwas zu Essen, Cola zum trinken und etwas zu lesen (an einem B�cherstand, der
antiquarische B�cher in Deutsch, Englisch und Italienisch anbot) und machten es
uns auf einer Bank am Bahnhof ‘bequem’. Wir hatten geh�rt, da� um 00:50 ein
‘Notzug’ nach Wien fahren sollte (der aber keine Fahrr�der mitn�hme). Wir
wollten versuchen, mit dem Schaffner zu reden. Hauptsache irgendwie raus aus
diesem verflixten Italien!
Um 00:45 standen wir dann mit unseren R�dern am Bahnsteig und warteten gespannt
auf den Zug nach Wien, der mit 15min Versp�tung eintraf. Dann gingen wir auf den
n�chstbesten Schaffner zu und trugen ihm unser anliegen vor. Die Antwort:
„K�nnte klappen!“
Dann kam ein anderer Schaffner, der uns sagte, da� das mit den Fahrr�dern nicht
so gut sei und wir eher nicht mitfahren k�nnten. Als letztes kam ein dritter
Schaffner, der uns energisch sagte, da� wir diesen Zug mit den Bikes auf keinen
Fall betreten d�rften. Ich wurde etwas sauer und probierte dem Mann
klarzumachen, da� wir unter Umst�nden wegen dem bl�den Bahnstreik mehrere Tage
in Venedig festsitzen w�rden, wenn er uns nicht mitn�hme, doch das schien ihn
nicht zu interessieren. Die Antwort war und blieb ‘NO’. Auch Emmis
Italienischkenntnisse konnten uns nicht mehr helfen. Der Zug fuhr ohne uns ab,
und wir blieben entt�uscht am Bahnhof zur�ck. Langsam aber sicher begannen mich
Venedig und die Italiener zu nerven. Es war mittlerweile k�hl geworden, so da�
wir etwas froren. Deshalb gingen wir in die Bahnhofshalle, die zu einem kleinen
Campingplatz geworden war. �berall lagen und sa�en Reisende, die auch nicht aus
Venedig wegkamen. Wir suchten uns ein kleines freies Pl�tzchen und breiteten
dort unsere Planen auf dem Boden aus. Dann legten wir uns hin und versuchten,
ein bi�chen zu schlafen.
18. Tag: Am fr�hen Morgen erreichte uns die Nachricht, da� um
6:30 ein Kurzzug nach Verona fahren sollte. Von dort, da� hatten wir schon am
Vortag mitbekommen, k�nnte es sein, da� am Mittag ein Zug nach M�nchen fahren
w�rde (der aber wahrscheinlich auch keine Fahrr�der mitn�hme). Da wir �berhaupt
keine Lust mehr hatten, noch l�nger in Venedig zu bleiben, beschlossen wir das
Risiko einzugehen und nach Verona zu fahren.
Gegen 8:30 erreichten wir Verona, da� uns mit bestem Wetter freundlich empfing.
Am Schalter sagte man uns, da� um 12:30 ein Zug nach M�nchen fahren w�rde. Ob
dieser Zug Fahrr�der mitnehmen w�rde, wollten wir lieber gar nicht erst fragen.
Manchmal ist es besser, wenn man gar nicht alles wei�.
Bis zur Abfahrt unseres Zuges blieb uns jetzt noch etwas Zeit. Wir beschlossen
deshalb, ein bi�chen durch das sch�ne Verona zu radeln (da� wir �brigens beide
schon von fr�heren Reisen relativ gut kannten).
Verona (Urbs nobilissima) ist eine der �ltesten, sch�nsten und ruhmreichsten
St�dte Italiens, und wir freuten uns deshalb, trotz der Ungewi�heit in puncto
Heimreise, da� wir hier noch ein paar Stunden verbringen konnten.
Als erstes fuhren wir zum r�mischen Amphitheater, welches zweifelsohne das
ber�hmteste Monument der Stadt ist. Diese gewaltige Arena, die wahrscheinlich am
Anfang des 1. Jhd. errichtet wurde, ist ein gewaltiges Bauwerk, da� in seiner
gro�artigen Ausdehnung und Akustik nur vom Kolusseum in Rom �bertroffen wird.
Von diesem tollen Monument aus fuhren wir weiter zur Kirche ‘Sant’Anastasia’,
der gr��ten Kirche der Stadt, deren Bau 1290 von den Dominikanern begonnen und
1481 zu Ende gef�hrt wurde. Nach einer ausgiebigen Besichtigung, suchten wir
einen Supermarkt auf, wo wir uns etwas zu essen kauften. Wir Fr�hst�ckten auf
einem kleinen Platz, dessen Name ich mir nicht gemerkt habe, und fuhren dann
weiter zum Haus des Romeo in der Via delle Arche Scaligere, wo wir den sch�nen
Innenhof und den Balkon besichtigten auf dem angeblich Julia auf ihren Romeo
gewartet haben soll.
Mittlerweile war es 12:00 und wir mu�ten schleunigst wieder zum Bahnhof fahren.
Dort kauften wir schnell die Fahrkarten und gingen dann zum Zug, der schon am
Bahnsteig wartete. Wir hatten ausgemacht, da� wir es diesmal auf die harte Tour
probieren wollten. D.h. wir gingen zum letzten Wagen des Zuges und luden die
Bikes einfach ohne zu fragen ein. Der Zug fuhr los, und wenig sp�ter kam ein
Schaffner vorbei, der erstaunt unsere Fahrr�der betrachtete und dann anfing, ein
bi�chen zu schimpfen, da� das ja eigentlich nicht erlaubt sei. Wir waren aber
ganz nett zu ihm, so da� er sich schlie�lich erweichen lie�. Wir mu�ten jeder
15000 Lire Zuschlag zahlen und damit war die Sache geregelt.
Unsere Fahrt ging durch das sch�ne S�dtirol bis zu Brenner, wo wir mit der
n�chsten Schwierigkeit konfrontiert wurde. Die letzten zwei Wagen wurden hier
anscheinend abgekoppelt. Im letzten Moment konnten wir noch aussteigen, mu�ten
unsere Fahrr�der durchs Gleisbett bis zum Bahnsteig schieben und konnten uns
dann mit viel M�he in den mittlerweile supervollen Zug hineinzw�ngen. Die Bikes
versperrten den Gang, so da� keiner mehr durchkam, was uns nicht gerade bei
unseren Mitreisenden beliebt machte. Wir mu�ten uns die �belsten Beschimpfungen
anh�ren. In Innsbruck wollte ein altes Ehepaar mit vielen Koffer dort
einsteigen, wo wir mit unseren Bikes standen. Der Alte rief gleich fordernd:
„Nehmens sofort die R�der da raus!“ Ich antwortete ihm darauf freundlich, da�
dies nicht m�glich sei und er bitte die drei�ig Meter zum n�chsten Eingang gehen
sollte. Der Mann wurde sehr zornig und bekam einen ganz roten Kopf. Auch seine
Frau begann ihn tatkr�ftig beim meckern zu unterst�tzen, aber wir bleiben hart.
Es war wirklich nicht m�glich, die schweren Fahrr�der in der kurzen Zeit aus dem
Gang auszubauen und auszuladen. Das Ehepaar mu�te schlie�lich nachgeben, weil
sie sonst den Zug verpa�t h�tten. Sie gingen zum n�chsten Eingang, wo zuf�llig
auch zwei Biker mit ihren R�der waren (die in der selben Situation wie wir
waren). Aus der Ferne h�rte ich das Wutgeheul des Alten. ‘Tja’, dachte ich mir,
‘wer nicht flexibel ist, mu� halt etwas leiden.’ Der Zug fuhr los und etwas
sp�ter kam der neu zugestiegene �sterreichische Schaffner vorbei ( in Innsbruck
war n�mlich Personalwechsel). Er machte bei uns halt und zog eine riesen Show
ab. F�r ihn war das, was wir hier machten, ein krimineller Akt. Fahrr�der in
einem Eurocity? Das ist ein Verbrechen von der allerschlimmsten Sorte! Nachdem
er eine Weile rumgeschrien hatte, lie� er uns schlie�lich zu Wort kommen. Wir
machte ihm klar, da� wir unschuldig seien, weil wir vom italienischen Schaffner
die offizielle Erlaubnis bekommen h�tten, diesen Zug bis M�nchen zu benutzen.
Wir h�tten sogar einen extra Fahrradzuschlag gezahlt. Um meine Behauptung zu
unterlegen wedelte ich ihm mit dem Zuschlagbeleg aus Italien vor dem Gesicht
herum. Der Schaffner wurde daraufhin etwas ruhiger und sein Zorn begann von uns
auf die mafi�se italienische Bahn umzuschwenken. Schlie�lich einigten wir uns
mit ihm, da� dies eine absolut einmalige Ausnahme sei, der in beiderseitigen
Interesse keinerlei Wiederholung folgen d�rfte. Der Schaffner entfernte sich und
wir konnten etwas aufatmen. Bis zur Deutschen Grenze hatten wir vor dem
Bahnpersonal etwas Ruhe und mu�ten uns nur mit unseren Mitreisenden
auseinandersetzen, die komischerweise immer dort aufs Klo wollten, wo unsere
Fahrr�der davor standen. Alles lie� sich irgendwie regeln, so da� wir
schlie�lich die Deutsche Grenze erreichten, wo wir Bekanntschaft mit dem
Deutschen Schaffner schlossen, der im Gro�en und Ganzen relativ umg�nglich war.
Gegen 19:00 Uhr fuhr unser Zug im Hauptbahnhof von M�nchen ein, wo wir
erleichtert ausstiegen. Wir hatten das fast unm�glich geschafft: Venedig-M�nchen
mit Fahrrad & Zug, w�hrend die Bahn in Italien streikt! Ein schier unm�glicher
Akt, den ich niemandem zum Nachmachen empfehlen kann.
In M�nchen erkundigten wir uns dann nach Weiterfahrm�glichkeiten. F�r Emmi war
es nicht so schwierig, eine Verbindung nach LuBu zu bekommen. Ich dagegen
mu�te feststellen das die Deutsche Bahn ziemlich unf�hig ist. An drei
verschiedenen Schaltern bekam ich drei verschiedene Ausk�nfte. Eine Verbindung
schlechter als die andere (M�nchen-Berlin �ber N�rnberg, Frankfurt am Main,
Hannover, Magdeburg, Leipzig... Fahrzeit 14h. So ein Quatsch!) Schlie�lich
entschlo� ich mich f�r einen Nachtzug der um 19:40 in M�nchen abfahren und um
6:00 Berlin Wannsee erreichen sollte. Ich kaufte mir schnell eine Fahrkarte und
etwas zu essen. Dann schoben wir unsere R�der zum Bahnsteig, wo mein Zug bereits
wartete. Jetzt kam der Moment, wo unsere Tour auf einen Schlag zu Ende war, was
uns etwas traurig machte. Wir verabschiedeten uns kurz, wobei wir uns einig
waren, da� dieses trotz aller Strapazen unsere beste Tour gewesen ist. Der Zug
fuhr an, ich winkte noch mal und war dann allein.
Hinter uns lagen 1500 geradelte und ebenso viele bahngefahrenen Kilometer und
unheimlich viele Erlebnisse und Eindr�cke, die ich jetzt versucht habe, in
Ans�tzen etwas in diesem kleinen Reisebericht zu Papier zu bringen, wobei ich
gemerkt habe, da� dies fast nicht m�glich ist. Wahrscheinlich werden nur wir
zwei beteiligten wirklich wissen und erkennen k�nnen, was dies f�r eine
wundervolle Tour gewesen ist. Wir haben einen Sack voller Erinnerungen erradelt,
den uns keiner mehr wegnehmen kann und der f�r immer in unseren K�pfen
existieren und weiterleben wird. Ich kann jedem nur empfehlen, auch einmal so
etwas zu wagen. Auch wenn es viele Schwierigkeiten gibt und man oft ins
Ungewisse f�hrt, haben wir die Erfahrung gemacht, da� sich jede Situation
irgendwie meistern l��t. Es geht immer irgendwie weiter und im Nachhinein, kann
man �ber alles lachen.
Unser Motto, wenn es mal schwierig wurde:
„Die Situation ist aussichtslos und die Lage ist trostlos. Das wird sicher ein
Spa�!“
(Jim Kirk in dem Film ‘Treffen der Generationen’)